Valentin Nowotny: Agile Unternehmen (Buchbesprechung)

Dass Unternehmen heutzutage agil arbeiten müssen, um erfolgreich zu bleiben, gehört mittlerweile zu den gängigsten Sichtweisen der Managementliteratur. Doch was bedeutet Agilität jenseits der Softwareentwicklung überhaupt? Und wie klappt das mit dem agilen Unternehmen? Der Versuch, diese Fragen zwischen zwei Buchdeckeln zu beantworten, überzeugt leider nicht wirklich.

Agilität durch die Psycho-Brille

Wenn ein Psychologe und Projektmanager sich vornimmt, agiles Arbeiten für alle verständlich dazulegen, weckt dies große Hoffnungen. Schließlich liegt der Fokus von Sach- und Fachliteratur zu Scrum, Kanban und ähnlichem oft noch auf der IT bzw. Softwareentwicklung, wo diese Methoden ihre derzeitige Bekanntheit erreichten. Auch Ansätze wie Design-Thinking oder Lean-Startup sind hierzulande noch lange nicht so etabliert, wie etwa in den USA (wenngleich sehr gute Bücher dazu auch auf Deutsch verfügbar sind).

Die Erwartungen an das knapp 400 Seiten Einführungswerk sind auch deshalb nicht gerade gering, weil Autor Valentin Nowotny als erfahrener Coach und Berater gilt – und weil dies bei weitem nicht sein erstes Buch ist. Als eigenen Anspruch formuliert Nowotny, einen „agilen Schwimmkurs“ zu bieten, nach dessen Lektüre ein gutes Grundverständnis agilen Arbeitens beim Leser vorliegen sollte.

Wer sich jedoch ins Wasser wirft – um beim Sinnbild des Autors zu bleiben – wird schnell merken, dass im Buch enormer Seegang herrscht. Ständig kommen neue Angebote angeschwommen, die sich jedoch schwer ergreifen lassen oder sogar selbst wieder wegtreiben. Darunter sind viele gute Schwimmhilfen die auch jeweils systematisch eingeführt werden. Damit das Land oder gar neue Ufer zu erreichen, erscheint jedoch schwierig, weil es eben Stückwerk bleibt.

Das liegt zum einen daran, dass Nowotnys Buch nur eine Einführung sein will und – angesichts des jetzt schon beträchtlichen Umfangs – sein kann. Andererseits kann man dem Autor auch vorhalten, immer wieder mit aktuellen, teils sinnentleerten Schlagworten aus der Management- und Marketingliteratur um sich zu werfen. Hinzu kommen zahlreiche psychologische Fachbegriffe oder Hinweise auf spezielle Methoden, die selbst für den aufgeschlossenen Leser nicht immer selbsterklärend sind – aber auch nicht erläutert werden.

Leckere Häppchen, die nicht sättigen

Nowotny berührt vieles, schneidet an und mixt. Das ist alles nicht falsch – doch am Ende bleibt es ein buntes Potpourri. Auch bei einem Sachbuch wäre eine konsequentere Diskussion wünschenswert. Denn für den Leser ist es regelrecht enttäuschend, wenn der Autor beginnt, ein Werkzeug oder eine Methode zu erklären, dies aber – mit Hinweis auf einen Link am Kapitelende – nicht vollendet. Stattdessen fokussiert sich der Autor jeweils auf die „Denk- und Psychofallen“ bei einer agilen Methode. Ob dies bei der Einschätzung des Werkzeugkastens hilft, muss jedoch zumindest bezweifelt werden, wenn kaum Wissen über die Methode an sich besteht.

So aber stolpert der Leser abrupt in das nächste Thema, eine andere Studie oder ein neues Werkzeug, nur um sich erneut mit Informationen konfrontiert zu sehen, die wiederum nicht wirklich sättigen. Durch all diese Aspekte liest sich das Buch wie zusammengetragene Notizen aus und für Workshops des Autors. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist die systematische Anwendbarkeit und die durchgehende Lernkurve beim Leser. Seine Stärken als Coach spielt Nowotny am ehesten noch in den abschließenden Kapiteln zur Einführung agiler Arbeitsweisen in Unternehmen aus.

Wer soll es lesen?

Bleibt die Frage, wem die Lektüre dieses Werkes empfohlen werden kann, ist doch agiles Arbeiten zweifelsohne ein zukunftsträchtiger Weg für Unternehmen und Mitarbeiter. Prinzipiell scheint sich Nowotny vor allem an das mittlere Management bzw. überhaupt Angestellte zu wenden. Denn es geht fast immer nur um Teams, ihre Vorgesetzten sowie die mangelnde Arbeitsmotivation ersterer und die miserable Kommunikation letzterer. Wie Unternehmer mit nur sehr wenigen Angestellten, verteilt arbeitende Netzwerke oder Selbstständige die agilen Prinzipien nutzen können, bleibt eher unterbelichtet.

Schade ist auch, dass der Autor mit seinem Hauptargument für die Notwendigkeit des agilen Arbeitens einem typischen, aber ebenso fragwürdigen Narrativ unserer Zeit aufsitzt: So schreibt Nowotny immer wieder, die „Generation Y“ sei extrem gut ausgebildet und würde Werte mehr schätzen, als Gehalt. Deshalb müssten Unternehmen um die begehrten Nachwuchskräfte buhlen und ihnen völlig neue Angebote machen. Manch ein Unternehmer dürfte bei dieser plakativen Überzeichnung wohl eher aufstöhnen, angesichts des gravierenden Fachkräftemangels und der Bewerber, die lieber fordern, statt zu leisten bzw. sich etwas zu verdienen.

Wer bereit ist, einen Haufen kurzer Einführungen und guter Ideen zu erfassen, um sich danach selbst in ausgewählte Themen zu vertiefen, der ist mit Nowotnys Buch gut beraten. Alle anderen sollten nach einem systematischer arbeitenden Werk Ausschau halten.

Valentin Nowotny (2016): Agile Unternehmen – fokussiert, schnell, flexibel. Nur was sich bewegt, kann sich verbessern. Business Village, 391 Seiten, 29,80 Euro. Erhältlich bei Amazon, direkt beim Verlag und im Buchhandel.

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